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23.03.16 Brexit: Englands größtes Eigentor in diesem Jahrhundert

An diesem Samstag ist es wieder soweit: „die Mannschaft“ Deutschland trifft auf das englische Nationalteam der „Three Lions“ im Berliner Olympiastadion. Spiele gegen England, auch wenn es sich lediglich um Freundschaftsspiele wie dieses handelt, besitzen aus englischer und deutscher Sicht mehr Prestige als alle anderen europäischen Fußball-Vergleiche.

Das ist vor allem dem Endspiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft in England vor exakt 50 Jahren zu verdanken, als sich beide Teams in einem echten „fight“ gegenüberstanden. England gewann damals nach Verlängerung durch ein bis heute höchst umstrittenes Tor, dem sogenannten „Wembley-Tor“, bei dem ungeklärt war und ist, ob der Ball tatsächlich vollumfänglich die deutsche Torlinie überquerte oder nicht.

Mit dem Gewinn der damaligen Weltmeisterschaft konnten die „Engländer“ den beiden bedeutenden Erfolgen gegen Deutschland auf dem Schalachtfeld, 1918 und 1945, das Jahr 1966 auf dem Fußballfeld als dritten „historischen“ Sieg gegen die „Hunnen“ als Trophäe hinzufügen.

England auf dem Weg zur Bedeutungslosigkeit

Doch ähnlich wie mit den englischen Fußballern ging es ab Mitte des 20. Jahrhunderts mit der ganzen britischen Nation bergab. Während das fast völlig zerstörte und geteilte Deutschland zumindest auf der Westseite einen unvermuteten Boom hinlegte, konnte sich Großbritannien nur sehr schwer von den Folgen des Zweiten Weltkrieges erholen, büßte logischer Weise seine militärische und finanzielle Vormachtstellung in der Welt ein: Das „Jahrhundert“ der USA begann.

Obwohl die Briten immer die Nähe zu den USA suchten, wurde doch Kontinentaleuropa schnell der wichtigste Absatzmarkt für heimische Produkte und Dienstleistungen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. So wandern über 50 % der britischen Produktion, mehr als 40 % der allgemeinen Dienstleistungen und satte 30 % der Finanzdienstleistungen in den europäischen Binnenmarkt.

Ob mit oder ohne Brexit: die EU bleibt Englands wichtigster Handelspartner

Und daran sollte sich aus Sicht der Briten auch nach einem möglichen Austritt aus der EU nichts ändern, denn ansonsten wäre die eh komplett eingebildete Rückkehr zur Souveränität extrem teuer erkauft worden. Während der deutsche Wutbürger seine Abneigung gegen Brüssel und generell gegen das „Establishment“ vor allem an heimischen Regierungspolitikern und deren Parteien auslässt, richtet sich der Groll der Briten fast komplett auf Brüssel und die dortigen Entscheidungen samt Entscheidungsträgern, die London nach dem aktuellen Mehrheitswillen der Bevölkerung nicht länger mittragen soll.

Es steht aus meiner Sicht völlig außer Frage, dass jene, die die Europäische Kommission und einen Großteil der Brüsseler Beschlüsse nicht gutheißen wollen, grundsätzlich keine gänzlich schlechten Menschen sein können, aber leider schützt das eben nicht vor möglichen dämlichen Abstimmungsergebnissen.

Die Mär von der „splendid isolation“

Sollten die Briten nämlich tatsächlich bei der in einigen Wochen anstehenden Abstimmung dem Austritt aus der EU zur Mehrheit verhelfen, können sie leider nicht ihre Nordseeinsel an einen anderen Fleck auf dieser Welt transplantieren – sondern müssen vielmehr die neuen Voraussetzungen beim Handel mit der EU beachten.

Um nämlich auch weiterhin freien Zugang zum kontinentaleuropäischen Binnenmarkt zu besitzen, müssen sämtliche Importe natürlich den Anforderungen und Standards aus Brüssel genügen. Noch arbeiten die Briten in den entsprechenden Gruppen und Gremien mit, können ihre Vorschläge und Ideen einbringen und so die heimische Industrie protegieren. Bei einem Brexit müssen sie die in Brüssel gefällten Regelungen aber ohne wenn und aber einhalten. Aus der sagenumwobenen „splendid isolation“ würde sehr schnell eine „spectacular catastrophe“ werden.

Brexit würde Großbritannien in die Dauerrezession abschieben

Das weiß insbesondere die „City Of London“ sehr genau, schließlich würde das finanzielle Leistungszentrum Großbritanniens sehr schnell eine beachtliche Demontage erfahren. Sukzessive würden EU-Finanzdienstleister erst Geschäft, denn Geld und später auch sich selbst aus London abziehen um der einsetzenden Regulierungswut Brüssels aus dem Weg zu gehen. Glauben Sie mir bitte: Jeder, der Ihnen etwas anderes erzählt, weiß nicht wovon er redet.

Gerade die französische Politik würde nicht eher Ruhe geben, bis zumindest ein bedeutender Teil des EU-Geldgeschäfts wieder in der EU – natürlich vorzugsweise in Paris – abgewickelt würde und Europas Kapitalsammelstellen würden dem Ruf Folge leisten (müssen). Ferner würde der Brexit erneut die separatistischen Strömungen im Norden Britanniens befeuern.

So haben die Schotten bereits durchblicken lassen, dass sie, je nach Wahlergebnis zwischen Glasgow und Edinburgh, ein Verbleiben in der EU, auch bei einer anderslautenden Entscheidung in London. für möglich erachten würden und damit ein United Kingdom ohne die Eigenschaft „United“ weitermachen müsste.

Fazit:

Je größer die Flüchtlingskrise bis zur wahrscheinlichen Abstimmung am 23.6. anschwellen wird, desto wahrscheinlicher wird der Sieg der britischen Brexit-Wutbürger. Sollte es dazu kommen, müsste es spätestens dann an den europäischen Finanzmärkten zu heftigen Reaktionen kommen.

Insbesondere das britische Pfund dürfte im Fall des EU-Austritts massiv in Schieflage geraten und deutlich abwerten. Gleiches gilt für zahlreiche UK-Finanzdienstleister und nicht zuletzt für den gesamten Aktienmarkt in London.

Je nach aktuellen Hochrechnungen im Vorfeld des Wahlereignisses dürften diese Bewegungen schon vorher beginnen und für deutlich höhere Volatilität sorgen. Entsprechend schwach sind wir, Ihr Team von Sicheres Geld, aktuell auch in Bezug auf die kommende Performance von britischen Dividendenwerten gestimmt und im Depot auch ausgerichtet.

Dennoch hoffen wir, dass am Ende der Brexit genauso abgewendet werden kann wie vor einigen Monaten ein Schottischer Alleingang. Nicht zuletzt Deutschland profitiert von den liberalen englischen Wirtschaftsvorstellungen – im Gegensatz zum französischen Planungswahnsinn unter politischer Oberaufsicht.

Leider muss damit gerechnet werden, dass am Ende allein die dann dominante Stimmung der britischen Bevölkerung den Ausgang der Wahl entscheiden wird. Bleibt zu hoffen, dass bis dahin noch genügend Aufklärungsarbeit geleistet wird um den Briten klarzumachen, dass sie die Realitäten anerkennen und endlich in Europa ankommen müssen.

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Quelle: http://archiv.investor-verlag.de

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